Dieter Fuss hat in seinem Leben viele Erfolge gefeiert: Als Journalist nach 1945 die Nachrichtenabteilung und Pressestelle von Radio München aufgebaut und geleitet, als Kabarettist sein Publikum in schweren Zeiten immer wieder zum Lachen gebracht, viele Länder dieser Erde bereist – dort gelebt und gearbeitet, doch das Allerschönste: Kürzlich feierte er seinen 90. Geburtstag und sagte, er sei auch dankbar für das, was in seinem Leben nicht so glatt lief. Warum das so ist, verrät er in diesem Interview.
Julia Rehder: Ihr Lebensmotto ist „Swing high, swing low.” Auf Deutsch gibt es keinen vergleichbaren Lebensspruch. Hier kennt man eher das weniger rhythmische „Himmel hoch jauchzend, zu Tode betrübt”. Doch so düster haben Sie es vielleicht gar nicht gemeint? Dieter Fuss: Nein so düster muss und soll es nicht sein. Aber ein Hoch zieht immer ein Tief nach sich. Das ist zwangsläufig so. Man kann nicht von Gipfel zu Gipfel springen. Wenn man auf einem Berg ist, muss man ins Tal hinunter, um dann auch wieder aufsteigen zu können.
Das klingt beschwerlich. Sehen Sie nicht auch einen leichteren Weg?
Ja, es geht einfacher und da kommt dann der „swing” ins Spiel. Wenn man die eigenen Niederlagen annimmt und aufhört, innerlich Widerstand zu leisten. Man bleibt in Bewegung, indem man akzeptiert. Kein Zustand kann so lange verharren. Das „swing low” darf dann sein. Bestenfalls freut man sich im Tal schon wieder auf die gute Aussicht auf dem Berg.
Doch muss man dafür dankbar sein?
Es gehört dazu, dass man sich, wenn man unten angekommen ist, auch nach dem Warum fragt. Meine so genannten Niederlagen waren meistens privater Natur. Trennungen und Scheidungen. Beziehungen also, die auch wenn sie noch so viel versprechend angefangen haben, irgendwann zu Ende gingen. Dann ist es immer erst einmal leichter, die Schuld beim anderen zu suchen. Nur bringt es einen nicht weiter. Also habe ich angefangen mich zu fragen, was mein Part daran ist. Immer dann sind bei mir Veränderungen passiert, für die ich heute dankbar bin.
Ein friedliches Fazit. Jetzt sagen Sie bitte nicht, Sie seien mit dieser Einsicht auf die Welt gekommen.
(Schmunzelt) Gewiss nicht. Die ersten dreißig, vierzig Jahre meines Lebens war ich ein „Hoppla-jetzt-komm-ich-Typ”. Ein Sonntagskind mit Berliner Schnauze, das sich (meist) keenen Kopp gemacht hat um seine Wirkung auf andere.
Welches Erlebnis war so einschneidend, dass Sie ihr Verhalten mehr reflektiert haben?
Es war ein Entwicklungsprozess und der fing 1959 mit der Geburt meines zweiten Sohnes an. Kai ist ein behindertes Kind, ein Autist.
Kurze Zwischenfrage. Man könnte meinen, Todesangst verändert einen Menschen noch mehr. Und die mussten Sie schon 1944 erleben: Sie waren desertiert, in vermeintlicher Sicherheit bei den Amerikanern angelangt, nur zwangen die Sie dann zusammen mit ihren Mitgefangenen sich mit dem Gesicht zur Wand zu stellen. Es hieß, Sie werden erschossen. Hinter Ihrem Rücken hörten Sie das Durchladen der Gewehre. Drei Mal dieses klackende, erbarmungslose Geräusch. Bis sich dann herausstellte, dass das alles ein übler Scherz, ein Zeitvertreib für die Amerikaner war. Einer Ihrer Kameraden bekam innerhalb von wenigen Sekunden weiße Schläfen.
Das war ein sehr großer Schock und er ging durch und durch. Aber ich bin mit dem Schrecken davon gekommen. Hinzu kommt: Bei den Amerikanern war ich einer von vielen. Bei Kai war es anders. Er war näher. Plötzlich war da ein Mensch, der mich gebraucht hat.
Was hat sich durch die Betreuung ihres autistischen Sohnes für Sie verändert?
Er war mein größter Lehrer. Er hat mir gezeigt, dass man von einem vermeintlich Schwächeren sehr, sehr viel lernen kann. Was innerhalb einer Familie gilt, gilt übrigens auch für eine Gesellschaft: Nicht umsonst heißt es, eine Gesellschaft ist immer nur so stark wie ihr schwächstes Glied.
Oft hat mich Kai auch inspiriert. Selbst wenn er auf dem Boden saß und Papier zerrissen hat, während ich Kindersendungen für den Rundfunk geschrieben habe. Meine Einfälle wurden plötzlich besser. Kollegen haben da den Kopf geschüttelt, weil sie dachten, ein behindertes Kind stört nur.
Haben Sie nicht manchmal trotzdem mit dem Schicksal gehadert?
Nein, denn ich bin kein Grübler. Sicher wäre manches mit einem „normalen” Kind leichter gewesen, aber eben auch anders und einfach nicht vergleichbar.
Ab einem bestimmten Alter ist man für sein Aussehen selbst verantwortlich. Wie verstehen Sie diesen Satz?
Falten bekommt jeder Mensch. Das ist normal. Manche Menschen verschließen sich aber im Alter und nehmen ihre Umgebung nicht mehr wahr. Sie haben bereits abgeschlossen, weil sie nur noch in der Vergangenheit leben. Das sieht man ihnen an. Ihnen fehlt es dann an Ausstrahlung. Mich interessiert, was heute passiert und in meinem Herzen fühle ich mich noch jung. Deshalb bin ich auch gern mit jüngeren Menschen zusammen.
Was möchten Sie denen mit auf den Weg geben?
Beruflich gesehen, halte ich es für sehr wichtig, auch zu wissen, was man nicht kann. Und zwar, um in eigene Schwächen keine Energie zu investieren. Das heißt auch, Kollegen die Fähigkeiten, die man selbst nicht hat, nicht zu neiden. Das gibt einem die Chance, sich auf das zu konzentrieren, was man gut kann. Es zu stärken und auszubauen. Privat sollte man lernen, sich selbst anzunehmen mit allen seinen Fehlern. Das ist nicht immer einfach, aber entlastend. Dann entgeht man auch der Gefahr, anderen gegenüber ständig misstrauisch zu sein. Und nicht vergessen: Verstehen heißt verzeihen. Das gelingt leichter, wenn man positiv denkt und neugierig bleibt.
München, im Februar 2008
|