Und es geht doch. Götz Heidelberg hat das Rad neu erfunden. Die erste große Magnetschwebebahn ist durch ihn entstanden und hat Maßstäbe gesetzt. Heute steht sie im Deutschen Museum in München.
Darüberhinaus gibt es fast 120 Patente, die auf seinen Namen lauten. Nicht alle natürlich von so großer Bedeutung. Doch eines ist klar: Als Ingenieur und Erfinder ist der 85jährige ein Leben lang seiner Berufung gefolgt, hat seine Talente gelebt. Und tut dies immer noch. Ein Glücksfall und eine Bereicherung. Denn wenn Arbeit Spaß macht, kann sie beflügeln. Den Menschen selbst, bestenfalls sogar seine Umgebung...
Julia Rehder: Wer seine Berufung nicht kennt, hat weniger Freude an seiner Arbeit. Denn die Arbeit wird zur Routine und motiviert einen nicht dauerhaft. Bei Ihnen war das anders.
Götz Heidelberg: Ja, aber lassen Sie mich etwas weiter ausholen: Wir sind hier auf der Welt aufgrund von Evolutionsgesetzen. Die beruhen auf den Erkenntnissen von Charles Darwin. Danach überleben immer nur die, die einigermaßen tüchtig sind. Und wie konnte man überleben? Man musste arbeiten: Hirsche jagen, Beeren sammeln, Feinde besiegen etc. Tätigkeit war also unerlässlich. Deshalb wurde der Mensch im Laufe der Evolution mit dem Drang oder der Notwendigkeit ausgestattet, sich nützlich zu machen. Es ging gar nicht anders. Und dann liegt es doch nur nahe, dass sich ein intelligenter Mensch folgendes überlegt: Wenn ich schon arbeiten muss, dann soll mir die Arbeit wenigstens Spaß machen. Das geht nur, wenn man seinen Begabungen folgt.
Weil es einem dann leicht fällt?
Natürlich. Man sieht das zum Beispiel bei Künstlern. Ein Bildhauer schwitzt vielleicht bei seiner Arbeit, aber er muss sich nicht überwinden. Die Arbeit zieht ihn an, es treibt ihn regelrecht dorthin.
So war das auch bei Ihnen?
Wenn einer über eine gute visuelle Wahrnehmung verfügt, dann kann er Maler werden oder Architekt. Wenn ein Maler oder Architekt darüber hinaus noch eine ausgeprägte Abstraktionsfähigkeit hat, die übrigens meist angeboren ist, dann wird er Konstrukteur oder Unternehmer. So wie in meinem Fall.
Und diese Fähigkeit zeigte sich schon in ihrer Kindheit beim Spiel mit Bauklötzen?
Damit hat es angefangen. Sicher hätte ich auch mit Lego gespielt, aber das gab es damals ja noch nicht. Stattdessen Modelldampfmaschinen und etliche technische Baukästen – Technik lag nahe, mein Vater war Ingenieur. Ich konnte Dinge sehr schnell auffassen. Und war, wenn mich etwas interessierte, intensiv bei der Sache. Als Folge haben meine Eltern mich dann ein Jahr früher zur Schule geschickt. Und innerhalb der Schule habe ich in Nullkommanix noch einmal eine Klasse übersprungen.
Wie hat sich Ihre Abstraktionsfähigkeit denn konkret bemerkbar gemacht?
In der Schule vor allem in Mathematik. Ich kam schnell auf Lösungen. Ich kann mich da an eine Situation im Schullandheim erinnern. Unser Lehrer fragte uns: ,Was ist die Summe aller Zahlen von eins bis Hundert addiert? Wer das Ergebnis zuerst hat, bekommt eine Tafel Schokolade.‘ Ich hatte es ziemlich schnell raus, als erster. Man muss dazu die 1 und die 99, die 2 und die 98 usw. addieren, das gibt 49 x 100 = 4900. Dann bleibt nur noch die 100 und die 50 übrig. Macht also 5050 und die Schokoladentafel.
Das macht stolz, oder?
Es schafft ein gewisses Bewusstsein, ein Selbstbewusstsein. Stolz spielte dabei gar keine so große Rolle. Es hat mich auch nicht überheblich werden lassen, wie man vielleicht annehmen könnte – im Gegenteil. Es führte eher dazu, dass ich mich auf die Dinge, die mich interessierten, konzentriert habe. Nicht nur in der Schule, auch später, und dadurch erfolgreicher sein konnte. Mein Kopf war frei für das Wesentliche.
Ihre Begabung unterschied Sie von Ihren Mitschülern, aber Konzentration hätten die doch genauso aufbringen können?
Eben nicht. Meine Mitschüler mussten sich in alle Richtungen beweisen. Lassen Sie es mich so erklären: Es ist ein großer Vorteil im Leben, wenn man nicht durch sein eigenes Geltungsbedürfnis abgelenkt wird. Ich musste mich nicht aufblasen.
Weil Sie wussten, was Sie können. So gesehen hat Begabung ja auch viel mit Konzentration zu tun. Und Erfolg ist dann Begabung plus Konzentration?
Ja, die Formel klingt logisch.
Meinen Sie denn, dass jeder Mensch mit einem bestimmten Talent geboren ist?
Entweder ein Mensch hat eine nennenswerte und brauchbare Begabung oder nicht. Wenn er eine Begabung hat, hat er die Chance, eine höhere Motivation für eine Lebensleistung zu finden. Wenn er keine Begabung hat, hat er bloß die Motivation gemütlich zu leben – das ist auch in Ordnung.
Die meisten Menschen haben doch ein besonderes Talent?
Nein, überhaupt nicht. Da beziehe ich mich doch lieber auf eine übliche Stammtischphrase: ,Es gibt richtig dumme Schweine. Alles voll davon. 80 Prozent der Menschen sind nicht selbständig denkfähig.’
Das klingt abwertend.
Es klingt so.
Dann bin ich neugierig, was Sie vom Fleiß halten. Eine Tugend?
Eigentlich ja. Trotzdem war ich in der Schule ziemlich faul. Ich war von der Vorstellung bestimmt, ich habe es ja nicht nötig, fleißig zu sein. Deshalb musste es mein Ziel sein, Fleißarbeit in Zukunft delegieren zu können. Ich habe schnell gelernt, mir Freiräume zu schaffen und Arbeit an andere abzugeben.
Nur wenige können es sich leisten, auf Fleißarbeit zu verzichten. Was machen die falsch?
Bei mir hat sich das offensichtlich richtig ergeben. Ich denke, eine wichtige Voraussetzung dafür war meine früh gewonnene Lebenserfahrung und meine Fachausbildung. Von meinem 17. bis zu meinem 35. Lebensjahr habe ich gelernt, oft unter großen Schwierigkeiten. Nach dem Abitur (mit 16) war ich als 19-jähriger Leutnant in der Ostukraine Kompaniechef von 120 Leuten und zwar an einer Stellungsfront mit ‘viel Eisen in der Luft’. Sie wissen, was das heißt: Es wurde heftig geschossen. Für mich war das eine harte Schulung, auch in punkto Menschenführung. Nach Kriegsende bin ich dann nicht irgendwo zwischen die Mühlen geraten, sondern konnte studieren. Und zwar Physik in Göttingen. Ich durfte also meiner Begabung folgen. Nach dem Studium habe ich dann in der Ostzone eine Maschinenfabrik geleitet – ich war sozusagen Kapitalist im kommunistischen Umfeld.
Dazu muss man zäh sein und mitunter auch hart gegen sich selbst.
Es waren bewegte Zeiten. Und gerade weil ich diese Jahre zielstrebig und ohne nennenswerte Katastrophen hinter mich gebracht habe, war ich eigentlich nicht mehr verwundbar. Mit Mitte 30 konnte ich meine Fähigkeiten dann in leitende Tätigkeit umsetzen mit eben diesem Erfahrungsschatz. Und wer leitet, delegiert die Fleißarbeit.
Sie mussten sich also von niemandem mehr etwas sagen lassen...
Zum Glück, denn das wollte ich ja auch nicht. Wer gestaltet, ist ein freier Mensch. Vorausgesetzt er kann kreative Fähigkeiten auch wirtschaftlich gewinnbringend einsetzen. Das konnte ich. Damit hatte ich mein Lebensziel eigentlich schon erreicht.
Kurze Zwischenfrage: Wie sah es denn mit der Konkurrenz aus?
Die gab es fast nicht. Heute ist das kaum vorstellbar. Aber die Männer meiner Generation waren entweder schlecht ausgebildet oder gar nicht mehr am Leben.
Norman Vincent Peale, US-amerikanischer Pfarrer und Autor hat einmal gesagt: „Begeisterung erhebt das Leben über das Alltägliche und verleiht ihm erst einen Sinn”. Ist das der Grund, warum Sie nächtelang am Zeichenbrett sitzen konnten und Ihre Erfindungen so erfolgreich wurden?
Ja sicher. Denn es ist viel schwieriger, eine Maschine zu entwerfen als beispielsweise ein Haus. Bei einer Maschine ist jedes Element für die Funktion verbindlich, muss also exakt stimmen. Um den Biss zu haben, den es braucht dran zu bleiben, muss man begeistert sein und alles andere hinten anstellen können. Es ist eine Art illusionäre Begeisterung nötig. Illusionär deshalb, weil man etwas Neues erschafft. Die eigene Idee muss besser sein, als das, was bereits existiert. Das motiviert einen. Anders ausgedrückt: Das, was man vorbildlos macht, muss man schon bis zu einem bestimmten Grad lieben.
Vorbildlos – das ist genau das Stichwort für die Magnetschwebebahn: Auf der Internationalen Verkehrsausstellung in Hamburg wurde 1979 die erste für den Personenverkehr zugelassene Magnetbahn vorgestellt. „Ihre“ Bahn. So etwas gab es bis dahin noch nicht.
Deshalb geht sie ja auch in die Geschichte ein. Vor 4000 Jahren hat man das Rad erfunden und wenn man nun das Rad weglassen kann und es durch etwas Immaterielles, nämlich Magnetfelder, ersetzen kann, dann ist das faszinierend: Kein Quietschen mehr, keine Achse, die bricht. So eine Erfindung hat eine ganz grundsätzliche Bedeutung. Statt mechanischer Querelen hat man, mit Hilfe der Magnetfelder, eine elegante Art der Bewegung erzeugt. Das ist ein unglaublicher Fortschritt.
Allerdings. So gesehen haben Sie das Rad neu erfunden und wochen- und monatelang an Ihrem Schreibtisch verbracht.
Gern und mit Ausdauer. Manchmal auch mit Musik.
Kann man sich dann noch konzentrieren?
Das ist ja der Witz: Wenn man auf dem optischen Bereich arbeitet, kann man dazu gut Musik hören.
Sie meinen, weil der akustische Kanal noch frei ist?
Die Musik dient als Kulisse. Sie darf bloß nicht zu intensiv sein. Deshalb ist romantische Musik nicht geeignet. Aber Bach funktioniert wunderbar.
Konnten Sie in dieser Schaffensphase überhaupt abschalten? Zum Beispiel bei so profanen Dingen wie beim Einkaufen? Oder denkt man permanent an das Projekt?
Ein gutes Essen kann man sehr wohl genießen.
Kommen die zündenden Ideen im Schlaf oder eher morgens beim Zähneputzen?
Weder noch. Es ist aber so, dass einen die Punkte, die man nicht lösen kann, ständig begleiten. Vor allem morgens und abends. Vor dem Einschlafen sorgt das Hin- und Herwälzen der Gedanken für Verwirrung aber auch dafür, dass man alle möglichen Nebeneinflüsse zusammenkratzt und spielerisch miteinbezieht – die kreative Herangehensweise. Morgens obsiegt die Klarheit. Außerdem hat man dann die Nüchternheit, dummes Zeug wegzulassen, abends nicht.
Gibt es Uhrzeiten, zu denen Sie besonders kreativ sind?
Morgens um elf und nachmittags um vier Uhr.
Wenn man so beschäftigt ist mit seiner Arbeit, wenn man merkt, man kommt voran, erschafft etwas Neues, ist autonom. Welche Art von Befriedigung gibt das einem? Das muss doch ein wahnsinniges Glücksgefühl sein?
Das hält auch nicht ewig an.
Das klingt sehr nüchtern.
Nun ja, es hält mal ein paar Stunden, mal eine halbe Woche an.
So schnell lasse ich hier nicht locker. Sie haben von der illusionären Begeisterung gesprochen, die nötig ist, damit man eine Idee verwirklicht. Nun interessiert mich das Gefühl, das Sie überkommt, wenn Sie mit Ihrer Arbeit verschmelzen, an dem Punkt der höchsten Konzentration. Psychologen nennen diesen Zustand „Flow”.
Das sind nur sachdienliche Hinwendungen an den Gegenstand, da sind keine Gefühle im Spiel. Gefühle werden heutzutage überbewertet, das ist gerade Mode. Sie werden nachträglich hineingepackt, so war das auch schon in der Romantik. Zum Erfolg gehört das Fehlen von Emotionen, denn die stören nur.
Was erzeugt dann diese Schaffenslust?
Begeisterung, Können und pure Konzentration. Ein wesentliches Merkmal ist nämlich die Abwesenheit von Ablenkung. Man ist erfüllt von diesem einen Gedanken. Das hält man eine Stunde lang durch oder auch nur eine halbe Stunde. Dann geht man ums Haus und setzt sich wieder an die Arbeit. Und wenn man dann zu einem Punkt kommt, wo man nicht mehr vorankommt, dann hört man schlichtweg auf.
Klingt vernünftig und pragmatisch. Sie zerstören gerade das Bild des leidenschaftlichen Erfinders.
(lacht) Emotionen kommen, wenn überhaupt, nur nachträglich ins Spiel. Man freut sich über das, was man erschaffen hat.
Viele Ihrer Projekte haben Sie dann im Team realisiert.
Nur so geht es. Denn, wer wirksam tätig ist, muss eine Grenze ziehen zwischen der eigenen und der delegierten Arbeit. In meinem Arbeitsleben hatte ich die Freiheit, Dinge zu erschaffen. Für die Umsetzung hatte ich Mitarbeiter.
Ist Berufung die beste Lebensversicherung?
Nein. Vorsicht. Vorsicht ist die beste Lebensversicherung. Das sieht man doch jetzt an den Leuten, die ihr Geld auf dem Sparbuch liegen haben. Die Finanzkrise ist ein gutes Beispiel dafür.
Das hätte ich nicht gedacht. Vorsicht als Ratschlag zur Lebenshaltung aus Ihrem Mund?
Moment. Ich habe allgemein gesprochen. Ich selbst war nicht vorsichtig. Ich habe mehrere Millionen verloren.
An der Börse?
Nee. Ich habe alles in allem fünf Firmen gehabt. Ich war öfter unvorsichtig. Ich habe manchmal aus Bequemlichkeit gehandelt oder nicht richtig nachgedacht. Die Magnetbahn habe ich allerdings für einige Millionen an AEG verkauft. Das war ein guter Erfolg! Ich hätte danach einfach aufhören und mich zur Ruhe setzen können.
Bezeichnend ist aber, dass Sie es nicht gemacht haben.
Ich habe das Geld wieder investiert. In neue Firmen und Projekte.
Weil Sie souverän waren und allen Grund hatten, an Ihre besonderen Fähigkeiten zu glauben. Berufung ist also doch die beste Lebensversicherung.
Vielleicht ja. Das führt aber auch zu Leichtsinn und Unaufmerksamkeit.
In Ordnung. In dem Zusammenhang interessiert mich das Thema Selbstwert: Sind Talente ein Multiplikator für das Selbstwertgefühl?
Sie verstärken das Selbstwertgefühl, ja klar. Und was ich anfangs zum Thema Selbstbewusstsein gesagt habe, gilt auch hier: Es braucht dann kein Geltungsbedürfnis mehr. Das stört im sozialen Kontakt auch nur. Ich habe immer signalisiert, dass es mir um die Sache geht und nicht um die Darstellung meiner Person. Wer Geltungsbedürfnis zeigt, wird von seinen Mitarbeitern nicht ernst genommen. Die merken das. Anders ausgedrückt: Geltungsbedürfnis ist immer auf eine Person gerichtet, Ehrgeiz auf eine Sache. Ich habe meine Mitarbeiter für die Inhalte begeistern können und sie dann mit Ehrgeiz verfolgt. Das bringt Erfolg.
Wow! Das zeugt von einem starken Willen. Kennen Sie eigentlich auch Ihre Schwächen?
Die verrate ich nicht – außer: Ich bin ungeduldig und verabscheue Büroarbeit.
Und Dinge, die Sie nicht mögen?
Stumpfheit, da verdünnt sich das Leben.
In dem Sinn, dass die Begeisterung fehlt?
Ja.
Und die ist, vor allem in Ihrem Berufsleben, reichlich vorhanden gewesen. Empfinden Sie so etwas wie Dankbarkeit für Ihre berufliche Laufbahn?
Ich möchte erst einmal die Instanz wissen, der gegenüber ich dankbar sein soll.
Vielen Dank für das Gespräch!
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