Milan Mihajlovics Gespür für den Augenblick, gepaart mit seinem wachen Blick
für das Besondere im Alltäglichen, hat ihn zu einem international angesehenen Künstler gemacht.
Von Julia Rehder
Nur wer seine Leidenschaft kennt, kann Funken versprühen. Milan Mihajlovic kennt sie nicht nur, er lebt sie auch. Der in Bosnien aufgewachsene Künstler ist schon früh seinen eigenen Stärken
gefolgt.
Ganz nebenbei, ohne Zwang und ohne, dass ihn dabei jemand beurteilt hätte. Beim Schafe hüten in den Bergen hat er Details seines täglichen Lebens in Stein geritzt. Die Augen der Tiere etwa. Immer so, wie er sie sah, nie als bloße Abbildung. „Ich hatte keine Ahnung, was Abstraktion ist, aber ich habe die Ausschnitte meiner Umgebung viel lieber verfremdet, als sie eins zu eins darzustellen. In den weichen Schiefersteinen war es auch mechanisch verführerisch, meiner Phantasie freien Lauf zu lassen”, erinnert sich der 54jährige Künstler zurück. Und abends beim Einschlafen schaute er auf die vom offenen Feuer verrußten Dachgiebel seines Elternhauses und dachte sich Geschichten aus. Die unterschiedlichen Grau- Braun- und Schwarztöne inspirierten ihn. Täglich kamen neue Farben und Formen hinzu. Seine Eltern, beide Analphabeten, haben dem nicht viel Beachtung geschenkt. Sie waren Bauern hatten vier Kinder zu versorgen und 50 Schafe zu hüten – das reichte.
Es war seine Lehrerin, die sein Talent erkannte. Kurz vor dem Abitur sollte jeder Schüler ein Bild malen. Milan hatte zwar keine rechte Lust dazu, brachte aber kurz entschlossen seine mit Schraubenzieher und Taschenmesser bearbeiteten Steine in den Unterricht. Mit dem Resultat: Die Lehrerin war so begeistert, dass sie ihm eine Ausstellung organisierte – seine erste.
Trotz dieser Anerkennung und seiner völlig natürlichen Kreativität und Sehnsucht nach Kunst, wagte er es noch nicht, Kunst zu studieren. Er wollte finanzielle Sicherheit, zumal Kunst in seiner Heimat Orahovo, einem kleinen Dorf in den Bergen von Bosnien-Herzegowina an der Grenze zu Montenegro, nicht viel zählte.
Also studierte er Sozialpädagogik. Um dann im zweiten Anlauf den Mut aufzubringen, sich ganz der Kunst zu widmen. Zum Glück.
Milan Mihajlovic folgte nun der Einladung, eines bekannten Malers aus Paris, der ein paar Jahre zuvor per Zufall Mihajlovics Ausstellung in der Schule gesehen hatte und spontan sehr begeistert
war. „Petar Milosavljevic zeigte mir unterschiedliche Maltechniken und ich genoss es, in seinem Atelier mitzuarbeiten, den Geruch von Farbe einzuatmen, die Pausen in den Cafés –
alles, was dazu gehört – und konnte mir plötzlich nur noch ein Leben als Künstler vorstellen”, erinnert sich Mihajlovic.
Heute – nach einem abgeschlossenen Kunststudium, 18 Jahren Erfahrung als Kunsttherapeut und etlichen Eigenausstellungen – ist Mihajlovic heilfroh, dass er diesen Schritt gewagt hat. Seit über 30 Jahren arbeitet er nun in München. Eine lange Zeit will man meinen. Trotzdem ist jedes Bild ein Neuanfang. „In meinem Job gibt es keine Routine”, sagt Mihajlovic.
Seine Kunst atmet Lebendigkeit – das spürt man, sobald man sein Atelier in der alten Wiedefabrik betritt. Der Vater von zwei fast erwachsenen Töchtern bearbeitet seine Bilder mit Händen und Armen, um der Leinwand Struktur zu geben, solange die Farbe noch nicht ganz trocken ist. Und weiß intuitiv, wo er nur leicht streichelnd über die Oberfläche gehen muss und wo es mehr Druck bedarf. Fast alle seine Bilder sind abstrakt, denn Mihajlovic möchte dem Betrachter die Freiheit geben, selbst zu interpretieren und seine eigene Wahrheit zu erkennen.
Immer wieder – das gibt Mihajlovic mit einem verschmitzten Lächeln fast triumphierend zu – bringt ihn seine Kunst auch an die eigenen Grenzen. „Es gibt Phasen, da gelingt mir nichts und die Leinwand bleibt weiß.” Er geht dann trotzdem jeden Tag für acht Stunden ins Atelier, um „dranzubleiben”. Doch statt zu malen, schreibt er auf, was ihm in den Sinn kommt. Oder schaut aus dem Fenster und beobachtet wie die Blätter ihre Farben wechseln. Manchmal verteilt er Fußtritte an halbfertige Bilder, weil es ihn ärgert, dass sie nicht so wollen, wie er will.
Rückblickend machen solche Krisen Sinn: „Früher dachte ich dann, ich kann nichts mehr. Habe mich gefragt, was soll das alles? Heute weiß ich, mein Können verschwindet nicht plötzlich. Aber ich brauche eine Auszeit, damit Neues entsteht. Geduld zu haben, ist eben immer wieder nur schwer auszuhalten”.
Umso schöner, wenn der Knoten dann platzt.
Oft sind es scheinbar banale Anlässe, die ihm ein neues Thema offenbaren.
So wie neulich. Milan Mihajlovic saß seiner Stammkneipe, der „Dicken Sophie” in Johanneskirchen. Die Tür ging auf und ein junges Pärchen kam herein. Sie setzten sich an den Nachbartisch. Der Typ hatte Stöpsel im Ohr und bewegte sich nach einer Musik, die nur er hören konnte. Seine Freundin versuchte, mit ihren Augen irgendwo im Raum Halt zu finden, haftete ihren Blick an Gegenstände. Für Milan Mihajlovic war klar: Die junge Frau fühlte sich unwohl, weil sie ausgegrenzt war. Zu zweit und doch allein. Mehr allein als ganz allein.
Mihajlovic trank seinen Espresso aus und ging schnurstracks zurück in sein Atelier. Er konnte wieder arbeiten. Aus dieser Begegnung entstanden 12 Bilder. Auf jedem ist im unteren Bildfeld ein Paar zu sehen, mal einander zugewandt, mal wie von Mauern getrennt, während am oberen Bildrand schemenhaft das alltägliche Leben vorbeizieht.
„Sich ausgegrenzt fühlen” ist übrigens auch Mihajlovics ureigenstes Thema. Das merkt er im Tagtäglichen: Wenn die Bäckersfrau, die ihn seit langem kennt, ihm den Kuchen vom Vortag zum halben Preis anbietet, obwohl er doch auf den frischen Kuchen gezeigt hat. „Sie meint es nur gut, bekommt aber im Kopf die Vorstellung vom Gastarbeiter nicht weg.”
Und in seiner Arbeit: Wenn Kritiker ihm eine Erklärung für jedes Bild abverlangen und sich schwer tun, für ihn eine Schublade zu finden.
„Mich interessiert der Trend nicht und auch nicht, die Kunst, die vom Kopf ausgeht”, kontert Mihajlovic dann selbstbewusst und nimmt es als Kompliment, wenn seine Bilder als „zu malerisch” angesehen werden. Erfolg braucht Authentizität, findet Mihajlovic. „Wer sich verbiegt, kann nicht kraftvoll sein.”
Und Glück braucht Mut. Mut den Moment wahrzunehmen. Sich weder von Vergangenem noch vom eigenen Ehrgeiz ablenken zu lassen. „Momente also, in denen ich dem Pinsel die Kraft übergebe. Wenn mir das gelingt, bin ich ganz im Hier und Jetzt, dann überlege ich nicht, sondern male einfach – ein glücklicher Zustand.” Vielleicht das wahre Geheimnis seiner Bilder. Und der Grund, warum sie beim Betrachter Spuren hinterlassen und Funken versprühen, die die Kraft haben, Gefühle zu entfachen.
München, im Oktober 2007
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