Paulo Mulatinho ist ein Falter. Nein, kein Schmetterling, obgleich dieser Spitzname dem verschmitzen Mann mit den feingliedrigen Händen und der bildhaften Sprache gut stehen würde, sondern jemand, der Papier faltet. Aus Leidenschaft, mit Hingabe und viel Phantasie. Der 52–jährige Grafiker entwirft Origami – so nennt man die aus Japan stammende Kunst des Papierfaltens. Am liebsten kreiert er abstrakte Formen und Figuren. Sie sind so leicht und bezaubernd, als seien sie nur für den Augenblick geschaffen.
Origami ist für den gebürtigen Brasilianer, der seit über 20 Jahren in Freising lebt, weit mehr als ein Hobby. Es ist reine Energie. Es ist seine Philosophie.
Julia Rehder: Wie lange beschäftigen Sie sich schon mit Origami?
Paulo Mulatinho: Seit 130 Jahren (seine Stimme bleibt ernst. Auch seine Mimik verrät seine Gedanken nicht. Nur ein leichtes Zucken um seine Nase herum ...).
Ich verstehe. Sie können sich also kein Leben ohne Origami vorstellen. Heißt das, in Ihrem vorherigen Leben haben Sie auch schon Papier gefaltet?
Ja genau.
Nein, das ist Quatsch (nun blitzen seine Augen wie bei einem Jungen, der sich über einen gelungenen Aprilscherz freut). Bewusst mache ich Origami seit ich in Deutschland bin. In Brasilien habe ich zwar auch schon immer gefaltet, aber damals habe ich dem nicht viel Beachtung geschenkt. Ich musste mich noch mit ganz anderen Dingen auseinandersetzen: Mit einer Militärdiktatur und meinem Überleben unter den gegebenen Umständen. Ich komme aus recht armen Verhältnissen.
Falten war für mich eine banale Sache. Das hat sich inzwischen geändert. Heute falte ich bewusst. Hinter meiner Tätigkeit steht immer auch eine Absicht für mich selbst.
Mit welcher Absicht falten Sie?
Jedes Leben ist eine Explosion. Wir tragen das, wohin wir uns entfalten werden in unserem Inneren: Die gefaltete Tänzerin, die gefaltete Schriftstellerin, der gefaltete Fußballspieler...
Ich falte also, um mich zu entfalten. Das Leben ist immer Entfaltung. Es geht gar nicht anders. Manchmal dauert es länger, manchmal geht es schnell. Aber am Ende werden wir uns entfalten.
Das sind schöne Bilder! Origami entspricht Ihrer Meinung nach dem wahren Kern des Lebens?
Genau. Origami ist Leben. Als Ausdrucksform, manchmal sogar als Abbild des Lebens in Miniatur. Denn Origami ist vom Menschen gemacht. Von seinen Händen geformt.
Die Hände liegen so nah beim Gehirn, dass nach meiner Vorstellung meine Gedanken, die während ich falte entstehen, Ausdruck im Ergebnis finden.
Weil Sie ihre Hände als Boten des Gehirns sehen.
Die Richtung ist umgekehrt. Während ich falte, senden meine Hände Informationen zum Gehirn. Ich drücke mich aus. Ganz wörtlich: Ich greife, ich zerstöre, ich biege und knicke und dabei konstruiere ich. Manchmal ist mein Denken sogar komplett ausgeschaltet.
Deshalb ist Handarbeit etwas so Großartiges für die Menschen. Sie funktioniert direkt und schafft immer etwas Neues.
An Tagen, an denen Sie aufgebracht sind, falten Sie dann mit einem anderen Ergebnis, als wenn Sie voller Liebe sind?
Nicht unbedingt, denn ich nehme mir nicht vor zu falten, wenn ich zum Beispiel meinem Verliebtsein Ausdruck verleihen möchte. Das geht vielleicht in der Poesie.
Wut kann man durch Sport abbauen. Aber mit Papier funktioniert beides nicht. Der Impuls ist ein anderer. Ich falte, wenn ich Lust dazu habe, nicht, um Emotionen auszudrücken.
Heißt das umgekehrt auch: Wer faltet ist in dem Moment ganz bei sich, konzentriert und ruhig?
Ja. Man muss im Gleichgewicht sein, um zu falten. Anders geht es nicht. Und Falten unterstützt dieses Gleichgewicht unglaublich.
Was aber nicht heißt, dass Menschen, die falten, per se ruhig und geduldig sind.
Ich zumindest bin es nicht. Ich bin ein ungeduldiger, temperamentvoller Typ und meine Mitmenschen haben es in der Auseinandersetzung mit mir manchmal nicht leicht.
Durch Origami lernen Sie also auch für andere Situationen?
Ja, ich glaube schon. (Er wird sehr nachdenklich) Doch. Ja. Bestimmt.
Was fasziniert Sie noch am Falten?
Zu sehen, was die anderen Menschen falten, wofür sie sich entscheiden. Jeder faltet etwas anderes. Manche mögen dekorative Dinge, andere falten lieber sehr komplexe Dinge. Damit sagen sie: Ich falte was, was du nicht kannst. Also: Ich bin größer als du. Man erkennt dann ganz schnell: Wer redet hier mit mir, wer ist mein Gegenüber.
So wie beim Spielen. Im Spiel entfaltet man eine ganz andere Zuneigung, weil man die Person besser erkennt. Plötzlich sieht man: Oh, der ist ja sehr ehrgeizig, das habe ich noch gar nicht gewusst. Oder sieht wie gemütlich der Mensch ist, wie großzügig und so weiter. Bevor man nicht miteinander gespielt hat, hat man die Person nicht ganz erfasst.
Es geht Ihnen also darum, den Menschen zu erkennen und nicht zu be– oder ver– urteilen.
Ja, das meine ich. Beim Falten habe ich oft Überraschungen erlebt. In beide Richtungen, aber das ist normal. Das ist im Leben nicht anders. Jemand, der einem erst unsympathisch war, wird einem plötzlich sympathisch oder umgekehrt.
Aber natürlich bin ich auch nicht frei von Vorurteilen. Dazu einmal ein positives Beispiel: Wenn ich einen Menschen sehr mag, schaue ich ganz anders hin, nicht so genau. Das hat mit Liebe zu tun. Dann ist es mir fast egal, was der macht. Mein Wohlwollen ist so viel größer als meine Beobachtung.
Immer wieder veranstalten Sie Origami–Treffen. Was ist das Besondere am gemeinsamen Falten?
Es entwickelt sich eine Dynamik, die sehr, sehr angenehm ist. Einwand–frei, ganz gemütlich. Es herrscht eine große Stille und die Einsamkeit, die wir Menschen so fürchten, ist für den Moment verschwunden. Denn es gibt ein gemeinsames Ziel. Jeder ist für sich und trotzdem sind wir gemeinsam – das ist ein sehr erstrebenswerter Zustand.
Und sie helfen sich gegenseitig, wenn jemand nicht mehr weiter weiß?
Ja, natürlich. Es ist ein Geben und Bekommen.
Schon wieder ein Vergleich zum Leben. Als wäre Origami eine Kunst, die das Leben darstellt. Im Kleinen und als Essenz.
Es ist ein kleiner Kosmos.
Als ich Origami für mich entdeckt habe, war es Liebe auf den ersten Blick. Erst einmal war alles wunderschön, voller Sterne und Funkeln und dann kam das Menschliche (lacht). Auf jedes Verliebtsein folgt eine Phase der Ernüchterung. Das hat aber nichts mit Origami zu tun, das hat mit dem Menschen zu tun. In diesem Fall mit mir: Durch Origami bin ich viel verreist, habe viele Menschen kennen gelernt, Freundschaften geschlossen und wurde eben auch enttäuscht.
Das Gefühl hielt aber nur so lange, bis ich gemerkt habe, dass ich ent–täuscht bin. Denn dann war ich am Ende meiner Täuschung, nicht mehr in Täuschung.
Aber Origami hat Sie nicht enttäuscht!
Nein. Der Mensch ist das Bindeglied zwischen Origami und dem Leben. Papier ist geduldig!
Und Papier ist vom Menschen gemacht, da schließt sich der Kreis.
Genau. Es war ein Bedürfnis vom Menschen, Papier zu entdecken. Schon sehr früh. Papier gibt es nicht in der Natur. Die Japaner haben dem Papier dann einen göttlichen Namen gegeben: Kami bedeutet als aller erstes „Seele” und dann erst „Papier”. Oru heißt falten. Zusammengezogen wird aus Oru und Kami dann Origami.
Indem der Mensch faltet, gibt er seine Persönlichkeit mit hinein. Seinen Aus–Druck. Der ist mal stärker und mal schwächer.
Aber immer ist eine gefaltete Sache geladen mit Energie. Sie ist Aus–Druck des Lebens.
Freising, im Mai 2008
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