Marian Piper hat in den katalanischen Pyrenäen das interkulturelle Zentrum „LASALA” gegründet und ist damit einer Vision gefolgt, die ihn seit seiner Kindheit beschäftigt: Eine interdisziplinäre und ideologiefreie Plattform für Menschen zu schaffen, die sich für eine Verbesserung ihrer Lebensumstände und den Erhalt ihrer natürlichen Umwelt einsetzen. Das Projekt hatte von Anfang an keinen leichten Start. Doch seit geraumer Zeit muss Marian Piper auch noch erfahren, was es heißt, wenn die umliegenden Gemeinden massiven Widerstand leisten. Wie er lernt, damit umzugehen, wie er loslässt ohne aufzugeben, verrät er in diesem Interview.
Julia Rehder: LASALA ist ein gemeinnütziger Verein, der Schwerpunkte im Bereich ganzheitliche Medizin und Ökologie zum Wohle des Menschen setzt. Gleichzeitig ist LASALA als Begegnungsstätte gedacht, um Experten Raum zum Forschen zu bieten und den Austausch zwischen den Kulturen zu fördern. Man könnte meinen, dass so ein Vorhaben keine Missgunst weckt. Warum ist das Gegenteil der Fall?
Marian Piper: Ich vermute, das hat mehrere Gründe. Gerade ein ambitioniertes Projekt ruft Zweifler hervor, das liegt in der Natur der Dinge. Es wäre naiv davon auszugehen, dass positive Vorhaben, immer nur positive Reaktionen auslösen. Denn: Da wo Licht ist, ist auch Schatten. Das ist mir erst in letzter Zeit wirklich bewusst geworden.
Aber konkret: Wir sind mit viel Enthusiasmus in ein bestehendes System, das einer kleinen Berggemeinschaft, eingedrungen. Die Menschen in der Region sind Veränderungen nicht gewöhnt und fühlen sich bedroht. Das ist leider oft der Fall. Den meisten Leuten ist es lieber, alles bleibt so, wie es ist.
Hinzu kommt: Für viele ist es schwer zu glauben, dass sich jemand für gemeinnützige Ziele einsetzt. Der Verdacht liegt immer nahe, dass jemand so etwas als Grund nur vorschiebt, sich in Wahrheit aber bereichern will. Deshalb beobachten die Leute mit Argusaugen, was auf unserer Finca „Santa Barbara” geschieht.
Wie fühlt sich diese Skepsis und Missgunst der Menschen an?
Wie Mobbing. Nur ist es hier nicht der Chef, der einen mobbt oder einzelne Kollegen. Hier handelt es sich um ein ganzes Dorf.
Wie reagieren denn die Menschen, die Ihnen begegnen?
Sie grüßen nicht zurück, wechseln die Straßenseite. In der Gemeinde Oix haben sie uns kürzlich sogar angeschrieen. Vieles läuft aber auch hintenrum, das ist besonders unangenehm: Die Kommunalverwaltung, die zunächst für unser Projekt war, fing plötzlich an, eine Art doppeltes Spiel zu spielen. Das ging so weit, dass der Bürgermeister im Wahlkampf versprochen hat, das Projekt zu verhindern für den Fall, dass er wiedergewählt wird. Uns gegenüber tat er weiterhin so, als würde er uns unterstützen.
Was macht Ihnen persönlich daran am meisten aus?
Die Tatsache, dass ich viel negative Aufmerksamkeit bekomme und ständig im Mittelpunkt stehe. Ich mag es zwar, andere für meine Ideen zu gewinnen, fühle mich aber unwohl, wenn sich alles um meine Person dreht.
Das widerspricht sich doch. Wie kann man ein großes Projekt leiten und gleichzeitig im Hintergrund bleiben?
Genau. Es ist ein Widerspruch und scheint gleichzeitig mein Thema zu sein. Denn vieles von dem, was heute in Zusammenhang mit unserem Projekt passiert, erinnert mich an meine Jugend in München: Ich habe immer gespürt, dass ich anders bin als meine Mitschüler, ohne das genau verbalisieren zu können. Ich stand gern im Mittelpunkt, denn dann habe ich mich angenommen gefühlt. Andererseits habe ich unter der gro ßen Aufmerksamkeit enorm gelitten. Mir wurde wieder bewusst, dass ich anders bin und nie ganz dazugehören würde. Der Roman „Andorra” von Max Frisch, den wir damals in der Schule gelesen haben, hat mich extrem beeindruckt. Vieles konnte ich nachempfinden. Deshalb erwähne ich ihn hier als Beispiel für mein Gefühl, nirgends wirklich dazuzugehören. In dem Buch geht es um Fremdenhass, Feigheit und Ausgrenzung. Für mich war es ein Albtraum mir vorzustellen, wie ein Mensch in einer Gemeinschaft lebt, die ihn immer mehr meidet und sich immer feindseliger verhält, obwohl er nichts dafür kann und sich nichts zu Schulden kommen lässt. Mich hat die Erzählung regelrecht beklemmt.
Im Zuge der Anfeindungen aus unserer Umgebung wurde mir plötzlich klar, dass ich mir erstens einen Wohnort in unmittelbarer Nähe zu Andorra gesucht habe und zweitens auch die Dynamik erlebe, die in dem Buch geschildert wird. Insofern hat das, was auf Santa Barbara passiert, auch etwas mit mir zu tun.
Klingt, als sei das der Grund, warum Sie das Projekt nicht einfach hinschmeißen?
(Lacht) Ja, stimmt! Das Thema würde mir sonst auf andere Art wieder begegnen, davon bin ich inzwischen überzeugt. Bevor mir das klar wurde, habe ich aber schon mehrmals ans Aufgeben gedacht. Doch dann ist immer etwas extrem Positives passiert – für mich ein Zeichen, dass das Projekt realisiert werden soll. Fast so, als würde es selbst dafür sorgen, dass es verwirklicht wird.
Spielen Sie auf das äußerst große Medieninteresse an?
Nicht nur, aber das freut mich natürlich sehr. In den letzten Monaten habe ich etliche Radiointerviews gegeben, wir waren in allen großen Tageszeitungen ganzseitig vertreten. Sechs Fernsehteams haben vor Ort gedreht, darunter auch das Erste und Zweite Spanische Fernsehen. Es gibt kaum jemanden in der Gegend, der dieses Projekt nicht kennt.
Was hat Sie noch bestätigt?
Als ich das erste Mal aufgeben wollte – das war vor circa vier Jahren – wuchs mir die finanzielle Problematik über den Kopf: Denn das Land gehörte uns noch nicht. Jemand anderes hätte es kaufen können und LASALA wäre gestorben. Das wollte ich auf gar keinen Fall. Gleichzeitig hatte ich keine Ahnung, woher ich diese riesige Menge Geld nehmen sollte. Dann gab mir ein guter, älterer Freund den Rat, mich erneut mit meiner Vision zu verbinden und in den Bergen zu meditieren. Ich bin ihm sehr dankbar dafür, denn nur eine Vision hat wirklich Kraft. Von meiner hatte ich mich aber schon sehr weit entfernt. Schleichend, ohne es zu merken und natürlich um das Projekt finanzierbar zu machen: Zu der Zeit konnte ich mir sogar einen Seminarbetrieb vorstellen. Davon war anfangs nie die Rede gewesen. Nachdem ich von meiner Meditation wiederkam, prophezeite mir der Freund, dass ich spätestens in sechs Wochen das Geld für LASALA aufgetrieben haben würde. Ich glaubte nicht wirklich daran, doch er behielt Recht. Vier Wochen später lernte ich eine sehr engagierte und wohlhabende Frau aus der Gegend kennen, die sich spontan bereit erklärte, das Land für uns zu kaufen.
Ist es Ihnen seither gelungen, eine zuversichtlichere Haltung zu bewahren?
Leider nicht immer. Ich falle auch in alte Denkstrukturen zurück, wenn ich Angst habe oder mich bedroht fühle. Besonders schlimm war das letzten Sommer. Da waren nicht nur der riesige Schuldenberg und die Missgunst der Bevölkerung. Das Schlimmste war, dass ich plötzlich das Gefühl hatte, ich könnte mich an LASALA nicht mehr freuen, selbst wenn alle finanziellen Sorgen gelöst wären und uns niemand mehr einen Stein in den Weg legen wollte. Zu viel war passiert. Ich war ausgepowert und desillusioniert.
Trotzdem haben Sie nicht aufgegeben. Was hat Sie abgehalten?
Ein kleines Wunder. Letzten September kamen völlig unerwartet und unangemeldet und doch wie bestellt, 60 Schamanen nach Santa Barbara. Wie aus dem Nichts sind sie erschienen, und alle waren völlig begeistert von dem Ort und seiner Ausstrahlung. Alfons, ihr spiritueller Anführer, sagte mir, dass er seit 15 Jahren nach genau diesem Ort gesucht habe, und fragte, ob sie künftig auf Santa Barbara das heilige Sonnentanz-Ritual feiern dürften. Sofort fingen wir an, Pläne zu schmieden. Meine Motivation war wieder da. Die ganze Nacht hindurch bis zum nächsten Mittag haben wir gemeinsam für den Ort gebetet. Das hat mir viel Vertrauen gegeben.
Ist LASALA das erste Projekt, das in der Gegend Alta Garrocha einen schweren Start hatte?
Es gab schon einige andere Projekte, aber die sind fast alle gescheitert. Jeder, der neu dazukommt, auch ein Katalane, muss sich das Vertrauen der Bevölkerung erst einmal verdienen. Je größer die gefürchtete Veränderung, desto größer das Misstrauen.
Geht es denn jetzt vielleicht auch darum, den längeren Atem zu haben?
Ja, aber nicht nur. Das wäre zu einfach. Im vergangenen halben Jahr, als ich so desillusioniert war, ist mir einiges klar geworden: Zum Beispiel, dass ich meine Gesundheit riskiere, wenn ich mich dieser negativen Energie ständig aussetze und versuche, dagegen anzukämpfen. Aber auch, dass ich irgendwann meine Familie verliere, wenn ich mich weiter ausschließlich auf LASALA konzentriere. Zumal die von unserer wackligen finanziellen Situation eh schon sehr belastet war.
Ich habe gemerkt, dass ich anfangen muss an meiner inneren Haltung zu arbeiten. Mit anderen Worten: Es hat keinen Sinn mehr zu kämpfen, ich muss loslassen. Ich glaube, deshalb sind auch immer dann Wunder geschehen, wenn ich dabei war, aufzugeben. Denn wer aufgibt, kann nicht gleichzeitig festhalten.
Albert Schweitzer hat einmal gesagt: „Die größte Entscheidung deines Lebens liegt darin, dass du dein Leben ändern kannst, indem du deine Geisteshaltung änderst.” Ist es das?
In gewisser Weise, denn nur so kann ich den Anforderungen auch anders begegnen. Und tatsächlich entwickeln sich die Dinge seitdem auch leichter. Ich lasse sie mehr auf mich zukommen und sorge mich weniger.
Was hat sich konkret geändert?
Fördermittel, mit denen ich schon gar nicht mehr gerechnet habe, sind geflossen. Auf meine Person bezogen: Ich stelle inzwischen meine seelische und menschliche Entwicklung an oberste Stelle und orientiere mich weniger daran, was mein Willen fordert. So erzwinge ich nichts mehr. Für LASALA heißt das: Ich gebe alles ab und versuche über die Intuition wahrzunehmen, wo ich mich zu engagieren habe. Auch meine Aufmerksamkeit hat sich verändert. Ich konzentriere mich viel mehr auf das, was positiv läuft in meinem Leben. Allein diese neue Wahrnehmung hat schon viel bewirkt.
Und Ihre Vision – LASALA, wie es einmal aussehen soll, wenn viele Menschen dort arbeiten – die ist immer noch da?
Mehr denn je. Denn ich nehme mir Zeit, sie immer wieder neu zu visualisieren. Dazu gehe ich in die Berge von Santa Barbara, werde in der wundervollen Landschaft ganz ruhig und meditiere. Ich glaube fest daran, dass unser Gestaltungsraum sich mit unserem Bewusstsein ausdehnt. Und mir macht es unheimlich Spaß, daran zu arbeiten.
München, im März 2008
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