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Dankbarkeit als Motor

Peter Trautmann ist Überzeugungstäter. Seit 34 Jahren arbeitet er für den Münchner Flughafen. Erst in Riem, jetzt im Erdinger Moos, seit 2002 als Geschäftsführer Verkehr und Technik. Für viele Menschen und Mitarbeiter gilt der weltoffene Mann, der auch selbst leidenschaftlich geflogen ist und zwischendurch die Erde gern aus der Vogelsperspektive betrachtet, schlicht als Mr. Airport.
Er besitzt die Gabe, diesem riesengroßen Betrieb mit 28.000 Mitarbeitern, die insgesamt am Flughafen tätig sind, Leben einzuhauchen. Familiäres Leben. Der Mikrokosmos Flughafen, „seine Stadt“, verströmt deshalb nicht nur den Duft der großen, weiten Welt, sondern atmet auch Verlässlichkeit, Zusammenhalt und sogar Gemütlichkeit.
Der 67-Jährige liebt seinen Job, versteht ihn als Lebensaufgabe, denn er kann hier neben seinem technischen Know-how auch seine Persönlichkeit mit einbringen. Das macht ihm großen Spaß, dafür ist er dankbar und daraus schöpft er seine Kraft. Klar, dass Peter Trautmann wenn er Ende August seine Tätigkeit am Münchner Flughafen offiziell beenden wird, nicht die Hände in den Schoß legt. Wie auch? Das wäre nicht seine Art.
Julia Rehder: Über Ihrem Schreibtisch hängt das Bild „Wanderer zwischen den Welten“ von Rudolf L. Reiter. Ein vielschichtiges Kunstwerk. Auch ein Symbol für Ihr Leben?
Peter Trautmann: Ja. Es passt deshalb so gut, weil mich die Lust am Reisen zu meinem Job gebracht hat. (Zündet sich eine Zigarre an und zieht genüsslich daran.) Heute würde man sagen, es war das Verlangen nach Mobilität, das mich angetrieben hat. Das fing schon nach der Schule an, ging während der Ausbildung weiter. Sobald es irgendwie möglich war, habe ich mir Zeit zum Reisen genommen. Mein erster Job war bei British European Airlines, so hießen die damals noch. Anfang der 70er Jahre. Ich habe jeden freien Tag im Flugzeug verbracht: Und wenn ich nur morgens nach London geflogen bin und abends wieder zurück. Oder nach Klagenfurt zum Kaffeetrinken, auch das kam vor.
Die Leidenschaft fürs Reisen als roter Faden in Ihrem Berufsleben. Über den Wolken, zwischen den Welten?
Ja. Eigentlich war ich immer in der Luft. Gedanklich oder physisch. Die Verbindung zwischen Reisen und Luftfahrt zieht sich durch mein Leben. Da lag der Wechsel von der Airline zum Flughafen auf der Hand.
Vom Flugzeug aus wirkt vieles so klein. Unbedeutend das, was gerade noch groß und wichtig erschien. Ist es dieser Perspektivwechsel, der das Freiheitsgefühl beim Fliegen ausmacht?
Unbedingt. Der kommt allerdings am meisten zum Tragen im Kleinflugzeug, wenn man selber fliegt. Als ich Verkehrsleiter in München Riem war, habe ich fliegen gelernt. Das war 1980. Aus dieser Zeit kenne ich das Gefühl sehr gut: Kleiner Flughafen – morgens um neun hat einen jemand geärgert, um zehn hat einen wieder jemand geärgert. Um elf Uhr reicht es einem, man steigt in einen kleinen Flieger, startet, dreht eine Kurve über der Zugspitze, kommt zurück und fühlt sich wie ausgewechselt. Der Blick von oben relativiert vieles. Es ist wirklich so wie es Reinhard May damals gesungen hat: „über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein...“
Ihr Arbeitsplatz vermittelt ein ähnlich erhebendes Gefühl. Dieser weite Blick...
Der Duft der großen weiten Welt, wie es Marlboro in seiner Werbung immer formuliert hat. Damit ist Freiheit verbunden – aber auch ein Gefühl der Großzügigkeit.
Was mir extrem widerstrebt, sind Bürokratismus und kleine Karos. Deshalb bin ich hier am richtigen Platz.
Weitblick heißt vielleicht Lässigkeit, aber nicht Nachlässigkeit. Planung in die Zukunft ist in meiner Arbeit immer ein wichtiges Thema. In der Luftfahrt geht es um Sicherheit, kombiniert mit höchster Professionalität, und die erfordert vorausschauendes Handeln.
Ihren Weitblick konnten Sie besonders unter Beweis stellen als der kleine Flughafen München Riem im Erdinger Moss neu konzipiert, sprich enorm erweitert wurde. Sie mussten das zukünftige Flugaufkommen einschätzen.
Wir hatten das Glück, einmal im Leben einen Flughafen auf der grünen Wiese bauen zu können, der wirklich für die nächsten hundert Jahre Bestand haben wird.
Ein Flughafen muss wettbewerbsfähig, ausbaubar sein, das heißt er muss genug Kapazitäten für die Zukunft haben und modularerweiterbar sein, ohne den Betrieb mit den Passagieren während der Bauzeit zu stören. Wer viel in der Welt reist, kennt die Schilder „Sorry for inconvenience“ (Entschuldigen Sie die Unannehmlichkeiten). Der Flughafen wird vergrößert, und man läuft durch Baustellen. Das wollten wir hier durch unser lineares Konzept vermeiden: Wir haben ein Terminal an das nächste gebaut. Bei der Eröffnung wird der Schlüssel umgedreht, und dann ist das Terminal betriebsbereit. Vorher wird kein Mensch belästigt.
Nur die Mitarbeiter müssen rechtzeitig eingearbeitet werden.
Genau. Das war uns bei der gesamten Planung sehr wichtig. Wir haben die Mitarbeiter lange vorher geschult. Denn der Mensch ist immer der Dreh- und Angelpunkt. Ohne ihn funktioniert gar nichts. Vor allem in einer Dienstleistungsbranche. Wenn ein Mitarbeiter unzufrieden ist, merkt das auch der Kunde.
Unser Konzept ist aufgegangen: München ist zum vierten Mal in Folge zum besten Flughafen in Europa gewählt worden.
Und Sie gelten als Mr. Airport. Wie kommt das?
Die Verkehrsleitung ist zuständig, wenn Alarm ausgelöst wird, wenn Notlandungen stattfinden, wenn die Koordination durcheinander gerät. Ein Team von Troubleshootern (Problemlösern), die die Sicherheit gewährleisten bzw. wiederherstellen. Weil ich diese Verantwortung über viele Jahre hinweg gelebt habe, sind die Leute immer zu mir gekommen, wenn etwas schief lief. Irgendwann ist dann der Name „Mr. Airport“ entstanden.
Aber das war es doch nicht allein. Wie ich weiß, stand Ihre Zimmertür immer offen.
Das ist richtig. Ich war viel auch am Wochenende im Büro. Da konnten die Leute mit all ihren Sorgen zu mir kommen und sicher sein, dass ich ihnen zuhöre.
Alle Mitarbeiter zählen schließlich: Ob es der ist, der die Koffer einlädt oder der, der das Flugzeug parkt. Ich beurteile die Menschen doch nicht nach ihrem Gehalt. Hohe Kompetenz und Einsatzwille sind immer gefragt. Ich habe versucht, diese Einstellung auch weiterzugeben.
Also keine Chefallüren?
Ach wo!
Klingt so, als hätten diese Gespräche mit Ihren Mitarbeitern Sie auch geerdet, wenn Sie mit Ihren Ideen vielleicht gerade mal wieder abheben wollten?
Es hilft zu unterscheiden, was ist wichtig und was ist unwichtig im Leben. Dafür bin ich dankbar. Ich habe viele Schicksale mitbekommen und auch wie die Leute damit fertig geworden sind. Davor habe ich großen Respekt. Nicht aber vor den Menschen mit ihren Zahnpastatubenproblemen. Die finde ich einfach nur dämlich!
In Ihrer Laufbahn haben Sie sich nicht nur für die Mitarbeiter eingesetzt, sondern bewusst auch den Nachwuchs gefördert. Warum?
Mein Anliegen war und ist es, dass qualifizierte und engagierte Menschen am Flughafen arbeiten. Deshalb habe ich in den 80er Jahren, zusammen mit der Industrie- und Handelskammer, den Ausbildungsgang zum geprüften Flugzeugabfertiger ins Leben gerufen. So etwas gab es bis dahin noch nicht. Heute eine Selbstverständlichkeit. Außerdem habe ich Studenten, u.a. in Mannheim, Loughborough und Garching, unterrichtet.
Ich will den Studenten ein Verständnis für das große Ganze aufzeigen. Zum einen das Zusammenspiel zwischen Luftverkehrsgesellschaft, Flughafen und Flugsicherung. Zum anderen, wie das Leben im Betrieb funktioniert. Im Flughafen ist es einfach immer so, dass alle Jobs in Teams stattfinden. Da sind auch so genannte Soft Skills gefragt. Wie schaffe ich es, mich selbst als Person zurückzunehmen?
Interessante Frage. Wie denn?
Bei zahlreichen Auslandsaktivitäten wurde mir Folgendes klar: Gerade für uns Deutsche ist es wichtig, die Lehrermentalität los zu werden. Wir tendieren leicht dazu, uns als Besserwisser aufzuspielen. Im Team ist es aber viel wichtiger, sich zu ergänzen.
Sie sind ein großer Asienfan. Ist es die Zurückhaltung der Asiaten, die Ihnen so gefällt?
In ihrer Zurückhaltung sind Asiaten für uns oft schwer einzuschätzen, das ist es nicht, was ich meine. Mir imponiert die Gelassenheit und innere Ruhe, die sie ausstrahlen. Auch wenn viele Menschen zusammenkommen, gibt es kein Gedränge. Das habe ich auf der Fähre vom Festland nach Hongkong Island immer wieder beobachtet.
Beruflich finde ich es auch sehr angenehm, mit Asiaten zusammenzuarbeiten. Sie müssen sich nicht so beweisen. Leute, die bei uns gut sind, werden, je weiter sie auf der Karriereleiter nach oben klettern, immer hektischer.
Sie selbst strahlen viel Gemütlichkeit aus. Sie sprechen langsam und warten auch mal ab. Alles abgekuckt bei ihren zahlreichen Reisen in den fernen Osten?
Ich denke, das sind auch Charaktereigenschaften, die man mitbringt. Ich arbeite zwar sehr gern, aber ich lebe nicht, um zu arbeiten. Ich bin kein gestresster Managertyp. Ich kann auch meine Freizeit genießen. Etwa, indem ich mir eine gute Ausstellung anschaue oder in die Oper gehe. Das ist ein wundervoller Ausgleich für meine eher technikbetonte Arbeit.
Es sind die „moments of life“, die zählen, man muss sie wahrnehmen können. Wer nur mit den Armen rudert, verpasst sie doch.
Unbedingt! Doch wie bleibt man so cool – irgendwelche Hilfen?
Ich mache autogenes Training morgens und abends. Und ich bin Freimaurer, das entspricht meiner Lebensphilosophie.
An welche Werte denken Sie?
An Toleranz, Humanität und Souveränität. Der Weg zur Souveränität ist für mich der wichtigste im Leben. Er ist immer verbunden mit der Arbeit an sich selbst. Wie die Arbeit an einem rauen Stein, sie hört nie auf.
Die Arbeit am Stein vielleicht schon...
Stimmt. Der ist irgendwann glatt. Aber das lebenslange Lernen hört nie auf...
Apropos: Verraten Sie mir ein paar Tricks, wie Sie Ihre Mitarbeiter oder Studenten motivieren?
Bei meinen Studenten handhabe ich es so, dass ich sie auch selbst viel reden lasse. Sie sollen erzählen, was ihnen so passiert ist auf ihren Reisen. Das lockert auf und hat den Vorteil, dass nicht immer ich reden muss. Sonst habe ich keine Tricks. Man kann etwas nur vorleben. Und meine Begeisterung für die Luftfahrt und die Fliegerei, die springt einfach über. Das ist es eigentlich. Ich kann die Leute doch nicht zum Jagen tragen. Es braucht dazu ein inneres Feuer.
Das haben Sie ganz offensichtlich.
Weil ich das Glück habe, mein Hobby zum Beruf gemacht zu haben. Deshalb ist Dankbarkeit das richtige Wort, wenn ich zurückblicke.
Dankbarkeit kommt auch auf, wenn ich mich mit anderen vergleiche. Ich habe mitbekommen, was alles passieren kann und sehe, dass ich davon verschont geblieben bin. Ich musste zum Beispiel keinen Tag im Krankenhaus verbringen.
Ich habe viel Glück gehabt in meinem Leben und kann mich darüber sehr freuen.
Andere würden es vielleicht Schicksal im positiven Sinn nennen. Oder meinen Sie, dass man selbst etwas dazu tun kann?
Ich meine damit, dass ich das, was passiert nicht für selbstverständlich halte. Für mich ist es kein Schicksal, denn man kann selbst etwas dazu tun. Aber nicht in dem Sinn, dass man die Ärmel hochkrempelt. Es funktioniert subtiler.
Alles passiert im Kopf. Wenn man positiv eingestellt und gepolt ist, dann entwickeln sich auch viel mehr Dinge positiv. Das sage ich auch denen, die ständig nur daran denken, was alles schief gehen könnte: ,Redet’s nur lange genug darüber, dann passiert’s auch.’
Die Dankbarkeit, die ich empfinde, ist gleichbedeutend mit Lebensfreude. Mein Motor, wenn Sie so wollen.
Der Sie auch antreibt zu neuen Ufern?
(Lacht) In meinem Beruf ist es mir nie langweilig geworden, denn er war sehr abwechslungsreich: Ich durfte – und ich sage ganz bewusst durfte – Verantwortung übernehmen für einen reibungslosen Flugbetrieb auf einem internationalen Flughafen, gleichzeitig habe ich mit vielen Menschen gearbeitet, durfte gestalten und meine Ideen einbringen, war international tätig und deshalb sozusagen berufsmäßig gezwungen, immer wieder über den Tellerrand zu schauen. Was gibt es Schöneres!
Dafür wurden Sie auch zweifach ausgezeichnet: mit dem Bayerischen Verdienstorden und dem Verdienstkreuz Erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland.
Diese Anerkennung hat mich sehr gefreut.
Und wie geht es jetzt weiter?
Ich bin ganz zuversichtlich, dass es mir auch in Zukunft nicht langweilig wird. Ich werde weiterhin als Repräsentant für Auslandsprojekte des Flughafens tätig sein: Abu Dhabi und Indien zum Beispiel.
Auch meine Vorlesungen als Gastdozent in Garching für die Studenten der TU München laufen weiter.
Im Übrigen wird alles so sein wie immer, dann ergeben sich die Projekte von ganz alleine.
Ich höre ja auch nicht auf (schmunzelt), sondern mache reduziert weiter.


München, im August 2008






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