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Auf dem Weg nach oben

Es sollte eine harmlose Wanderung im Brauneck bei Bad Tölz werden. Etwas austoben nach einer schwierigen Arbeitswoche. Doch Lara Winter, Gründerin des Webradios „Celebrate”, verlief sich in den Bergen und brachte sich dadurch in Lebensgefahr. Im Nachhinein spricht sie von einer heilsamen Erfahrung, die auch beruflich viele Steine ins Rollen gebracht hat.
Julia Rehder: Schon am Telefon hast du mir deine Wanderung als Gipfel einer schwierigen Zeit beschrieben und gesagt, sie hätte sich angekündigt: Wie große dunkle Wolken vor einem reinigenden Gewitter. Was meinst du damit?
Lara Winter: Beruflich habe ich schon länger gespürt, dass ich auf dem Weg zum Erfolg noch einige Hindernisse zu überwinden habe. Ich habe mir so gewünscht, mit meinem Webradio richtig durchzustarten, doch irgendwie saß die Handbremse fest.
Weil die Arbeit zu viel war?
Im Gegenteil, ich habe mich unterfordert gefühlt. Besonders klar wurde mir das in der Woche vor meiner Wanderung.
Schon am Montag habe ich gespürt: Etwas ist komplett anders. Ich war so konfus. Ich merkte, dass eine Veränderung anstehen würde. Da war eine Kraft in mir, die raus wollte.
Eine Zusammenkunft am Montag Abend habe ich fast gesprengt, da ich den Anwesenden ihr scheinbar friedliches Miteinander nicht abgenommen habe. Ich glaube, ich habe sie ziemlich vor den Kopf gestoßen.
Am Mittwoch stand für das Webradio das Thema „Aufbruch und Neubeginn” an und keiner kam. (Lara Winter organisiert Gesprächskreise zu wechselnden Themen, die dann auf www.celebrateonline.de gesendet werden. Die Gruppe ist offen, Interessenten sind herzlich willkommen.)
War das sehr enttäuschend? Erst recht, weil das Thema Aufbruch und Neubeginn hieß? Also noch eine Handbremse?
Vielleicht eher ein Spiegel.
Denn am Morgen bin ich mit dem Gefühl aufgewacht, nun entscheiden zu müssen, was ist wirklich wichtig für mich und in der Folge dann für das Webradio. Was gilt es zurückzulassen? Wie schaffe ich es, mich nicht mehr unausgelastet und unterfordert zu fühlen.
Konntest du herausfinden, was beruflich wichtig für dich ist?
Einiges schon. Im Gespräch mit einer Freundin an dem Abend wurde mir klar, dass es darum geht, meiner eigenen Intuition mehr zu vertrauen. Denn die hatte, wie sich heraustellte, auch bei dem Treffen am Montag gut funktioniert. Im Hintergrund dieser Gruppe gibt es einen schwelenden Konflikt. Genau darauf habe ich reagiert.
Und weniger unausgelastet fühle ich mich dann, wenn ich die Meinung anderer nicht höher bewerte, als meine eigene. Denn das blockiert mich. Und aufhöre, mich selbst klein zu machen.
Außerdem wünsche ich mir Teamarbeit, die zwei Dinge verbindet: Gemeinsam produktiv sein und der inneren Stimme Gehör schenken. Mit anderen Worte: Mich unabhängig von anderen zu machen und dabei auf Unterstützung und Zusammenarbeit nicht zu verzichten.
Ich merke, dass das kein Widerspruch ist. Aber da nehme ich schon Erkenntnisse vorweg, die mir erst die Wanderung gebracht hat.
Hättest du an diesem Mittwoch einen Wunsch frei gehabt für dich und für dein Webradio, wie hätte er gelautet?
An diesem Mittwoch hätte ich noch keinen Wunsch formulieren können. Ich war noch nicht so weit.
Auf mich wirkt es eher, als hättest Du schon viel erkannt. Zum Beispiel, dass du deiner Intuition mehr Raum geben darfst und sollst. Zugegeben, etwas ketzerisch formuliert, aber trotzdem: Wozu hast du die Wanderung eigentlich noch gebraucht?
Damit die Einsicht tiefer geht: Bei meiner Wanderung ging es um mehr als um meine Intuition. Mein Urvertrauen wurde angesprochen. In meinem Leben scheint es so zu sein (grinst), dass es Abenteuer braucht, damit ich wirklich verstehe.
Ich bin gespannt. Am Samstag wolltest du dich also auspowern und bist mit Ernfried, deinem Freund, zum Brauneck gefahren.
Er wollte allerdings nicht wandern und ist mit der Gondel hochgefahren. Wir haben ausgemacht, uns oben wieder zu treffen. Um 12:36 haben wir uns dann verabschiedet.
Es war Samstag, der 24. Mai 2008. Ich habe mein Handy ausgeschaltet.
Scheint, als hätten sich diese Zahlen bereits eingebrannt.
So ist es (Lara kichert und hält sich dabei die Hand vor den Mund).
Du warst also ganz auf dich gestellt.
Ich habe extra noch mein Wasser ausgetrunken, um nichts tragen zu müssen, habe mir die Wegzahl gemerkt und bin losmarschiert.
Schon bald kamen Schilder: Auf dem einen stand „Reiser Alm”, auf dem nächsten „Brauneck – eine Stunde” und dann gab es noch ein Sackgassenzeichen.
Die Richtung, in die die Sackgasse zeigte, kam mir am plausibelsten vor.
Deshalb habe ich mich nach kurzem Abwägen entschlossen, der Sackgasse nachzugehen. Mit dem kleinen Hintergedanken: „Kannst ja umdrehen, wenn’s nicht stimmt.”
Das mit dem Umdrehen, hat dann nicht geklappt. Warum?
Nein, denn ich bin immer höher und irgendwann gab es einfach kein Zurück mehr.
Aber von Anfang an:
Erst einmal kam ein Bach und viel Gestrüpp; das hat mich beruhigt. Denn dadurch hat sich mir das Sackgassenschild erklärt: Dass Autos dort eben nicht weiter kommen, Fußgänger schon.
Also bin ich den Weg gegangen, bis ich vor einem Abgrund stand. Von dem Abgrund aus ging wieder ein kleiner Weg weiter, den ich dann auch gegangen bin – bis zum nächsten Abgrund.
Du hast es dir gleich mehrmals gegeben.
Ja, ja. Jedes Mal habe ich mich gefragt: „Willst du wirklich noch weiter? Willst du’s wirklich noch weiter wissen?”
Hattest du Angst?
Nein, ich war total ruhig. Ich habe den Sonnenstand gesehen und wusste, ich habe noch jede Menge Zeit.
Ich bin dann einen ganz kleinen Pfad entlang gegangen, das muss so eine Art Gemsenpfad gewesen sein, bis ich an einen Grat gekommen bin. Dort wurde mir schlagartig klar: Das hier ist kein Weg für Menschen!
Wie sah es um dich herum aus?
Rechts und links ging es steil bergab. Rechts war es unmöglich sich entlangzuhangeln. Es sah so aus, als wäre dort vor ewigen Zeiten mal eine Lawine abgegangen oder sogar ein Erdrutsch passiert.
Und links?
Ich weiß nicht, ob man das begehbar nennen kann. Aber da war zumindest Erde und ab und zu ein Baum und Gestein.
Und den Weg bist du gegangen?
Richtig. Erst am Grat entlang und dann nach links. Denn die Erde war dort nicht zu feucht und nicht zu trocken, so dass ich Halt finden konnte.
Und dann kam der Punkt, an dem ich wusste, jetzt gibt es definitiv kein Zurück mehr.
Warum nicht? Wäre das nicht sicherer gewesen?
Nein, denn bei mir kam jetzt die Höhenangst. Um umzukehren, hätte ich mich umdrehen und runterschauen müßen. Das wäre zu gefährlich geworden. Ich habe es versucht und habe furchtbar zum Zittern angefangen. Dann habe ich wieder hoch geschaut und mir war klar: Mein Weg geht nach oben.
Wie hast du dich fortbewegt?
Anfangs noch auf zwei Beinen, dann auf allen Vieren. Manchmal habe ich Wurzeln, die noch in der Erde steckten, freigebuddelt, um mich festhalten und weiterhangeln zu können.
Und immer wieder gingen Steine ab. Das war unheimlich. Ich konnte nicht hinterher schauen, habe aber den Aufprall gehört.
Zweimal ist es mir passiert, dass ich den Aufprall nicht gehört habe. Diese Steine rollen für mich heute noch.
Hattest du jetzt Angst?
Dafür war kein Platz. Ich war hoch konzentriert, ich musste hoch konzentriert sein. Manchmal kamen Panikattacken, die ich gleich wieder weggedrückt habe. Dreimal war ich kurz davor, meinen Freund anzurufen. Aber mir wurde klar: Das bringt nichts. Dann stürze ich erst richtig in Verzweiflung. Und er auch. Was hätte ich ihm sagen sollen? Dass ich irgendwo in dem Stich oberhalb der Reiser Alm bin?
Ich musste also weiter.
Gab es Momente, die du trotz der ständigen Gefahr genossen hast oder geht das gar nicht?
Das geht! Manchmal habe ich mich ganz leicht gefühlt, wenn die Baumwurzeln mir als Handgriffe dienten und mich gehalten haben. Dann wieder sehr behütet: Ich bin auf Mutter Erde herumgekrabbelt, wie ein Tigerbaby auf seiner Mama. Ab und zu musste ich mich mit meinem gesamten Körper auf der Erde halten, wie ein Reptil. Jede einzelne Zelle habe ich dann wahrgenommen, ganz intensiv die Verbindung zur Erde gespürt und gemerkt: Es kommt etwas zurück. Die absolute Ruhe hat meine Wahrnehmung noch unterstützt und war unglaublich schön.
Standest du dabei unter Anspannung? So stelle ich mir das zumindest vor: Permanent in Habachtstellung. Mit einem riesigen Muskelkater hinterher?
Nein, im Gegenteil. Es fühlte sich eher wie Entspannung an. Jede körperliche Anspannung wäre hinderlich gewesen.
Ich musste, durfte vertrauen.
Als ich das intuitiv begriffen hatte, sind mir plötzlich Stellen aufgefallen, an denen ein besonderes Licht war. Ich habe mich dann von einem Lichtkegel zum nächsten gehangelt – ich wusste also wieder, wo es langgeht. Als würde mich jemand führen.
Und dann habe ich damit auch experimentiert. Zweimal habe ich absichtlich einen anderen Weg gewählt. Prompt ging es nicht mehr weiter.
Ungefähr nach einer Stunde hörte ich von weitem Stimmen und ein Gerattere.
Ich kam dann tatsächlich bei der Gondel raus.
Am höchsten Punkt, bevor die Gondel über ein freies Tal fährt, kurz vor der Bergstation. Dort waren Metallpfeiler und ein bisschen Gestrüpp – mehr nicht.
Also die ersten Anzeichen von Zivilisation. Warst du jetzt in Sicherheit?
Noch nicht wirklich, wenn ich die Gesichtsausdrücke der Menschen deute, die in der Gondel an mir vorbeigefahren sind. Ich habe „hallo” gerufen, um mich bemerkbar zu machen. Sobald sie mich sahen, bekamen sie ihren Mund nicht mehr zu.
Normalerweise kommt dort wohl niemand vorbei. Aber für mich hat es sich schon sicherer angefühlt. Und ich habe mich riesig gefreut, Menschen zu sehen.
Jetzt habe ich mir kurz gegönnt, panisch zu werden.
Was heißt hier gegönnt?
Ich saß einigermaßen sicher und konnte durchatmen.
Ich habe geschaut, wie tief es runter geht und die Bedeutung der letzten Stunden gespürt.
Hast du deinen Freund dann angerufen?
Ja, jetzt hat es ja auch Sinn gemacht. Ich konnte Ernfried einigermaßen sicher beschreiben, wo ich bin und ihn bitten, Hilfe bei der Bergwacht zu holen. Die wollten allerdings (noch) nicht helfen, da es ja noch nicht dunkel und für sie deshalb kein Notfall war.
Meine Wahrnehmung war, dass ich auf einem Gipfel sitze und es überall zu steil runter geht, als dass ich aus eigener Kraft von dort wegkommen würde.
Ich war enttäuscht, dass kein „Profi” kam und musste darauf vertrauen, daß mein Freund in der Lage war, mir zu helfen. Als ich bereit war loszulassen und ganz ins Vertrauen zu gehen, hab ich dann sogar kurz die Augen geschlossen.
Konnte Ernfried dir denn helfen?
Er ist auf die glorreiche Idee gekommen, die Lage zu peilen, indem er mit der Gondel hinunter- das heißt direkt über mir hinweggefahren ist.
Unten hat er mir dann ein Brot und ein Wasser gekauft. Kurz bevor er wieder an mir vorbei kam, rief er laut aus der Gondel: „Lara!”
Und dann zack und zack hat er Brot und Wasser abgeworfen. Und zwar so, daß ich dran kam, was ja auch eine Kunst ist.
Die Stärkung habe ich dringend gebraucht. Ich war unendlich schwach.
Er konnte mir dann auch den Weg sagen und Mut machen: „Du musst nur um die Tanne rum, dann bist du schon fast oben.”
Das hatte ich vorher auch schon inspiziert, mich aber gefragt: „Wie komme ich da nur rüber?” Davor ragte noch ein Fels raus und ich habe einfach keinen Tritt gesehen.
Jetzt aber wusste ich: Es geht, es muss gehen.
Vertrauen versetzt Berge?
Genau. In diesem Fall das Vertrauen in Ernfried. Hinter der Tanne fing dann ein relativ gut begehbares Feld an. Sobald ich auf festem Boden war, ging mir das Herz auf, ich war einfach nur noch glücklich. Es war unbeschreiblich. Ich war durch und durch dankbar und so erleichtert, dass ich das alles geschafft hatte!
Und dann sah ich plötzlich einen Paraglider, der eine Zigarettenpause machte. Ich habe ihm entgegen gerufen, dass ihn mir der Himmel schickt. Ich glaube, er war etwas verdutzt.
Er konnte mir dann den genauen Weg erklären.
Das heißt das letzte Stück war eine „normale” Wanderung, so wie du sie ursprünglich geplant hattest?
Für mich war das jetzt nur noch ein Spaziergang. Ich bin raufgeschwebt, völlig euphorisch.
Als ich oben war, kamen mir dann tatsächlich vier verschwitzte Männer von der Bergwacht entgegen. Die hatten inzwischen ganz unterschiedliche Informationen bekommen: von einer Frau, die bewußtlos an den Pfeilern der Gondel liegt und von einer, die um Hilfe ruft...
Ich habe mich gleich entschuldigt: „Ich weiß, ich weiß, ich weiß man soll nicht vom Weg abgehen und ich weiß auch, was ich hinter mir habe.”
Nach dem Motto: Angriff ist die beste Verteidigung?
Die konnten gar nichts sagen, die haben mich nur angekuckt. Irgendwann kam von einem nur: Sie hätten fallen können.
Warum bist du denn vom Weg abgekommen? Das ist wohl in deinem Fall tiefgehender zu verstehen?
Weil es für mich wichtig war, einige Erfahrungen zu machen, um noch tiefer vertrauen zu können.
Die Bergtour war absolut grenzwertig, trotzdem: Sie ging glimpflich aus und ich habe im richtigen Moment um Hilfe gebetet. Habe es geschafft, mich Menschen anzuvertrauen und durfte erleben, dass ich geführt werde. Eine göttliche Führung.
Die Lichtkegel?
Ja, genau. Ich habe gespürt, ich bin behütet. Klar ist diese Erfahrung keine, die ich noch mal machen möchte, aber das brauche ich auch nicht. Denn ich hab’s kapiert.
Die Wanderung ist vorbei. Jetzt bin ich neugierig. Was wünschst du dir?
Dass ich Steine ins Rollen bringe.
Durch dein Webradio?
Genau! Ich habe nun die Grundlagen.
Die Sackgasse war zwar auch ein Weg, ich bin ja angekommen. Nur es war der denkbar schwierigste Weg.
Auch im Alltag kann man sich in solchen Situationen wieder finden. Doch irgendwann sollte der Punkt erreicht sein, wo man sagt. „Ich kann nicht mehr” und merkt: Es geht leichter, wenn man sich Hilfe holt.
Ich bin überzeugt, dass ich in Zukunft, leichtere Wege gehen werde und so schneller ans Ziel komme. Ich brauche die Umwege nicht mehr, denn mein Vertrauen ist gewachsen. Zu mir selbst und zu allem, was ist.


München, im Juni 2008







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