Als ich Julia das erste Mal begegnet bin, waren wir beide Anfang 20, Studentinnen der Publizistik in Berlin. Sie hat mir ihr Ohr geliehen und ich ihr meines. Manchmal waren beide so abgekaut nach einem Abend, dass uns zu später Stunde am Tresen irgendeiner Kneipe der Kopf wegsackte.
Es waren die 90er Jahre. Berlin war wiedervereint und doch nicht zusammengewachsen. Voller Lücken und Möglichkeiten, so dass unser wahres Studium auf der Straße stattfand: in Kellerkneipen, die nur durch eine zerbrochene Fensterscheibe zu erreichen waren und eine Woche später oft schon gar nicht mehr existierten; auf endlosen S-Bahn-Fahrten zwischen trostlosen Ost-Bahnsteigen, die bestenfalls wie angestaubte Filmkulissen wirkten, oder auf Ausflügen in den neu gewonnenen Speckgürtel, die Julias Entdeckergeist immer wieder entfachten. So viele verwunschene Schlösser, baufällig zwar, aber doch für nur ein paar Mark zu erstehen.
Schon damals hat sie Menschen studiert. Darin war sie ein Naturtalent. Während andere in der U-Bahn teilnahmslos aus dem Fenster starrten oder sich per Walkman-Klängen wegzubeamen versuchten, blieb sie aufnahmebereit. Es schien sie nicht zu stören, wenn an einem Abend der fünfte Obdachlose seine Lebensgeschichte herunterzuspulen begann, nur um ein paar Mark zu ergattern. Alles, was Julia interessierte, war das Warum: die Geschichte hinter der Geschichte.
Das Angenehme daran: Ihre Gesellschaftsstudien beschränkten sich nicht auf das soziale Elend.
Auch die Prominenz nahm sie unter die Lupe. Meist beruflich bedingt: auf Pressekonferenzen, Ausstellungseröffnungen und Interviewterminen. Immer interessiert und wohlwollend. Denn ihr Credo war und ist: Jeder Mensch hat besondere Qualitäten. Wer bereit ist zu suchen, der findet sie garantiert.
Zum Glück war sie nie eines der Society-Party-Girls, die sich in Schokoladenmoussee aalten, nur um Aufsehen zu erregen. Sie löffelte die Mousse lieber genussvoll und begegnete den Menschen auf Augenhöhe.
Für mich war es immer wieder erstaunlich, was ihr die Leute alles erzählten und wie schnell sie Vertrauen fassten. Manchmal hat sich ihre Stimme überschlagen, wenn sie mir von einem netten Gespräch in der Stadt oder einem Interview berichtete. Dabei musste es sich nicht zwangsläufig um gut aussehende, junge Männer handeln, auch bei älteren Damen geriet sie ins Schwärmen.
Oder war sie es, die die Leute erst dazu brachte, sich von ihrer besten Seite zu zeigen? Vermutlich.
Als Julia mich bat, ein paar Sätze für ihre Website zu schreiben, habe ich überlegt, woran das wohl liegt. Mir sind drei Dinge dazu eingefallen: Das Funkeln in ihren Augen ist ansteckend, das Interesse an ihrem Gegenüber echt und ihr Glaube an das Gute im Menschen unerschütterlich.
So schafft sie eine respektvolle und angstfreie Atmosphäre, die Raum lässt. Die Leute fühlen sich wohl und öffnen sich. Solche Gespräche können gar nicht langweilig sein. Bald ist die Begeisterung beidseitig da und entfacht sich immer wieder von Neuem.
Julia hat sich schon damals überlegt, wie es wäre, nur noch Porträts zu schreiben. An einem unserer besagten Kneipenabende hat sie ihre Idee immer weiter gesponnen. Sie wollte Bilder von Menschen mit Worten zu Papier bringen und sie als Reihe veröffentlichen. Damals lagen noch viele unbezahlte Praktika und unterschiedliche
journalistische Etappen vor ihr – aber das wusste sie ja noch nicht.
Als ich ihr das kürzlich erzählte, konnte sie sich nicht mehr an diesen Abend erinnern. Sie seufzte aber erleichtert und fragte „Ach, echt?”, nur um meine Bestätigung noch mal zu hören. Dann strahlte sie mich an und sagte:
„Wenn eine Idee zu einem passt, ist sie wie ein Bumerang, er fliegt weg, um wieder zurück zu kommen.”
Viel Glück dabei, liebe Julia!